Meta ist nicht nur ein schöner Vorname, der wie viele andere altmodische Namen zuletzt offenbar wieder Konjunktur bei den Kindernamen hatte. Meta ist auch im nicht weniger schönen Begriff der Metaevaluation enthalten.
Gemeint ist mit Metaevaluation die Evaluation von Evaluationen. Als Begriff 1967 19691 von Michael Scriven in die Welt gesetzt, enthält er den Gedanken, dass auch Evaluationen mehr oder weniger gut sein können und dass sich das, eben mit einer Metaevaluation, auch systematisch prüfen lässt.
Als mit dem Partikel Meta zusammengesetztes Wort bewegt sich der Begriff in illustrer Gesellschaft mit Metakognition, Metakommunikation, Metadaten, Metatheorie, Metaforschung und einigen weiteren ähnlichen Komposita. Alle gehen in ihrer Verwendung des Partikels auf Umwegen auf die aristotelische Metaphysik zurück. Die trug ihren Namen ursprünglich nur deswegen, weil sie klassischerweise "nach" oder "hinter" (gr. meta) der Physik im Bücherregal einsortiert wurde. Dies führte später zur Umdeutung im Sinne von "jenseits der Natur liegend", und auf dieses "jenseits" oder "über" bezieht sich die heutige Verwendung in den genannten Begriffen.
Das Partikel Meta weist daher meistens auch darauf hin, dass wir es mit einem Phänomen zu tun haben, das selbstbezüglich sein kann. Dass es also eine Metaebene gibt, die man einnehmen kann, so dass etwas Gegenstand von sich selbst wird. Ein Phänomen, das mich schon immer fasziniert hat, seit ich als Kind verblüfft gemerkt hatte, dass ich über mein eigenes Denken nachdenken konnte:
- Nachdenken über das Denken
- Kommunizieren über Kommunikation
- Daten, die Daten beschreiben
- Theorien über Theorien
- Forschung über Forschung
- Und: Evaluation von Evaluationen
Und noch wundersamer: Das Prinzip endet nicht bei der zweiten Ebene der Beobachtung. Jede Metaebene kann wiederum eine übergeordnete Metaebene dritter und weiterer Ordnung haben. Ad infinitum, zumindest in der Theorie.
Was für ein intellektueller Reiz: Ein gedanklicher Doppeldecker, der alles durch sich selbst hinterfragbar macht und trotzdem immer damit rechnen muss, selbst Gegenstand der Beobachtung zu werden. Auch Evaluation gehört also zu diesem exklusiven Klub von Begriffen, die in dieser Form selbstreferenziell sind. Das macht Metaevaluation zu einem so wichtigen Konzept für alle, die sich ernsthaft für Evaluation interessieren:
- Ein Verweis darauf, dass nicht jede Evaluation gut sein muss, und die Frage danach, was dieses „gut“ denn ausmacht.
- Die Frage, wer das festlegt, und die Methode, wie man es feststellt.
- Der Auftrag, möglichst gute Evaluation zu machen, und die Einsicht, dass es wahrscheinlich nie perfekt sein wird.
"Über Evaluation" - was könnte ein besserer Titel für eine Sammlung von Gedanken, Notizen, Essays, Glossen und Beobachtungen über Evaluation sein, wie sie diese Rubrik sein soll? Die sich an alle richtet, die sich ähnlich für die Evaluation auf allen Ebenen interessieren, besonders aber für ihre "Meta"-Ebenen wie Theorie und Praxis, Geschichte, Begriffliches, Personen, Professionalisierung oder gesellschaftliche Rolle.
"MetaEvaluation: Alles über Evaluation. Für Evaluationsnerds und solche, die es werden wollen."
Über Antworten, Reaktionen und Diskussionen im Forum Evaluation oder auf LinkedIn freue ich mich gleichermaßen.
Geplant sind vorerst Updates mindestens alle zwei Wochen – Stay tuned.
1Gemeint ist: Scriven, M. (1969). An introduction to meta-evaluation. Educational Product Report, 2, 36–38. Vielen Dank an Wolfgang Beywl für den nachfragenden Hinweis.
Nachtrag 19.1.25: Auch wenn Scriven den Begriff "Meta-Evaluation" geprägt hat, ist der Gedanke, dass auch Evaluationen bewertet werden können, damals natürlich kein gänzlich neuer gewesen. Dazu und allgemein zum Phänomen des "claiming by labeling" in der Evaluation vielleicht bei Gelegenheit ein eigener Beitrag.