Eine Evaluation ist eine Evaluation ist eine Evaluation

"Evaluation" sickert in unseren Alltagswortschatz - eine gute Entwicklung?

Wegweiser change it, love it, leave itWegen meiner Schwäche für alles Französische habe ich vor Kurzem den Film "Birnenkuchen mit Lavendel" (Le goût des merveilles) gesehen, der nett, aber bis auf eine Tatsache nicht weiter bemerkenswert gewesen war:

Mir fiel zum ersten Mal bewusst auf, dass das Wort "Evaluation" in einem Spielfilm verwendet wurde.

Zwar handelt es sich in diesem Fall eher um eine schlampige Übersetzung, aber es war das deutsche, latinisiert ausgesprochene "Evaluation", das mich aufhorchen ließ. Offenbar hatte man das Französische évaluation zu wortgetreu aus einem medizinischem Zusammenhang übersetzt, wo man im Deutschen wohl eher von einer klinischen Untersuchung oder Ähnlichem sprechen würde.

Hier ließe sich jetzt eine sehr interessante Diskussion zur Wortherkunft von "Evaluation" anschließen und warum manche Sprachen diesen Begriff ausschließlich für systematische und professionelle Evaluationen reservieren und manche, wie etwa das Englische oder Französische, den Begriff auch für alltägliche oder zumindest weiter gefasste Bewertungen verwenden. Das hebe ich mir aber für einen späteren Beitrag auf. Für den Moment soll nur von Interesse sein, dass im Deutschen der Wortstamm "evalu-" eben nicht für alltägliche und unsystematische Bewertungen verwendet wird.

Genauer gesagt, ursprünglich nicht.

Denn schon seit einiger Zeit beobachte ich, dass in bildungssprachlichen und politischen Zusammenhängen "Evaluation" oder das Verb "evaluieren" zunehmend für alle möglichen Formen von Bewertungen verwendet werden. Beispielhaft etwa der aktuelle Koalitionsvertrag der Bundesregierung, wo der genannte Wortstamm insgesamt 25 Mal erscheint.

Wenn einem die Evaluation am Herzen liegt, möchte man vielleicht zunächst jubeln, was in dieser Legislatur alles evaluiert werden soll. Liest man allerdings Formulierungen wie "Wir evaluieren die Inkasso-Reform von 2021“, wird deutlich: Gemeint ist hier erst einmal nur eine politische Wiedervorlage, deren Grundlage und Systematik noch gänzlich offen bleibt. Diese laxe Verwendung in der Politik ist bis hinunter in die kommunale Ebene zu beobachten, wenn etwa die Pressekonferenz zur Nachbesprechung eines Volksfests als "Evaluation" angekündigt wird.

Auch von der Presse selbst wird das Wort zunehmend in dieser, aus unserer Sicht sachfremden, Weise verwendet. In der Süddeutschen will eine niederländische Partei den Wahlverlust "evaluieren", im Tagesspiegel wird die Tätigkeit des Verfassungsgerichts als "Evaluieren" bezeichnet und in der FAZ werden gar Kaufangebote für ein Unternehmen "evaluiert".

Auch hier könnte man interessant in Richtung der Frage abbiegen, was denn nun Evaluation "in unserem Sinne" von den genannten Formen der Bewertung genau unterscheidet, denn um Bewertungen handelt es sich ja zweifelsfrei. Mich interessiert an dieser Stelle aber vor allem das Motiv, das diesem Wortgebrauch zugrunde liegt.

Hören wir doch oft, dass Evaluation in vielen Kontexten und aus Laiensicht eigentlich negativ besetzt ist, dass man sie als lästig, überflüssig, technokratisch oder bürokratisch empfindet. Warum adoptiert man dann so bereitwillig einen wenig positiv assoziierten, fachsprachlichen Begriff in Kontexten, in denen es sich gerade nicht um eine formal aufgesetzte Evaluation mit nachvollziehbarer Methodik handelt?

Eigentlich wäre das eine Frage für die Forschung über Evaluation, ich kann an dieser Stelle nur spekulieren. Mein Verdacht geht in zwei Richtungen, die beide mit dem symbolischen Gehalt des Begriffs zu tun haben.

Der erste ist unspezifisch: Es handelt sich einfach um ein technisch-wissenschaftlich klingenden Begriff hoher Anmutungsqualität, mit dessen Gebrauch man ein gewisses akademisches Bildungsniveau und Herrschaftswissen demonstrieren oder eben nur vorgaukeln kann. Es klingt schlicht besser und imposanter als eine schnöde Bewertung.

Der zweite Grund hat spezifischer mit Evaluation zu tun: Man symbolisiert Qualitätsbewusstsein, Kritikfähigkeit und Fehlerkultur ohne den sofortigen Nachweis führen zu müssen, dieses auch tatsächlich mit Leben füllen zu wollen. Tatsächlich wird Evaluation ja schon lange eine symbolische Funktion1 zugeschrieben, die hier sozusagen parasitär genutzt werden soll: Man schmückt sich mit den Federn der Evaluation obwohl man sich dem kritischen Blick eines transparenten und systematischen Vorgehens nicht wirklich stellt.

Was bedeutet das für uns als professionelle Evaluation? Wie so oft gibt es drei Optionen: Change it, love it or leave it.

Wir können es hinnehmen und uns damit arrangieren (love it), weil es vielleicht auch gar nicht so schlimm ist, im Englischen etwa gibt es ja auch beide Verwendungen.

Wir können versuchen, es zu ändern (change it), durch Aufklärung, Briefe an die Redaktion oder naming and shaming.

Oder wir können die Marke "Evaluation" hinter uns lassen (leave it) und weiterentwickeln, wie es etwa der von Stewart Donaldson nicht erfundene2, aber programmatisch forcierte Begriff der evaluation science3 versucht.

Mein Impuls ist change it und daher auch dieser Beitrag. Ich finde wir sollten auf einen fachliche Verwendung von "Evaluation" pochen. Dies allein schon um die symbolische Kulissenschieberei nicht hinzunehmen und das Feld der "richtigen" Evaluation, nicht einmal semantisch, sang- und klanglos zu räumen.

Ob es aber auch der aussichtsreichste Ansatz ist?

 

1Wie immer, wenn es um die soziale Rolle von Evaluation geht, ist Carol Weiss eine der ersten gewesen, die sich mit dieser Funktion auseinandergesetzt hat, sie wurde aber bereits noch früher beschrieben: Eaton, J. W. (1962). Symbolic and Substantive Evaluative Research. Administrative Science Quarterly, 6(4), 421. https://doi.org/10.2307/2390724

2 vgl. Patton, M. Q. (2018). Evaluation Science. American Journal of Evaluation, 39(2), 183–200. https://doi.org/10.1177/1098214018763121

3 Donaldson, S. I. (2007). Program theory-driven evaluation science: Strategies and applications. Erlbaum. (Inzwischen gibt es weitere Auflagen.)
 


Nachtrag 8.2.2026: Im Forum Evaluation sind einige interessante Reaktionen eingegangen, auf die ich summarisch geantwortet habe, der Bezug auf die Einzelbeiträge erschließt sich allerdings nur im Thread (Teil 1, Teil 2; benötigt Abonnement des Forums):

 

Liebe alle,

vielen Dank für eure spannenden Reaktionen. Wir müssen zum Glück in keinen echten Disput zu diesen Fragen treten, denn in der Zielrichtung sind wir uns denke ich sehr einig, es geht darum, das Bewusstsein von Öffentlichkeit und Entscheidungspersonen für professionelle Evaluation zu schärfen.

Ich wollte im Blogpost v.a. eruieren, inwiefern mein subjektiver Eindruck, was die Veränderung des Sprachgebrauchs angeht, auch bei anderen besteht, und auf die daraus resultierenden Probleme aufmerksam zu machen.

Dies scheint, so zeigen mir eure Reaktionen, der Fall zu sein. Dass damit viel weitergehende Fragen hinsichtlich des Evaluationsverständnisses insgesamt verbunden sind, war mir bewusst, klammere ich aber hier einmal aus, um noch einmal zur Position "change it" zu kommentieren:

Ja, natürlich sind unsere Mittel beschränkt, aber wie auch schon auf LinkedIn geantwortet, das muss ja nicht hindern, die kleinen Mittel, die man hat, zu nutzen, und neue zu suchen. Bevor explizite Maßnahmen diskutiert werden, z.B. von Verbandsseite, sollte in der Tat eine gründlichere Problem- und Bedarfsanalyse sowie Machbarkeits- und Plausibilitätsanalyse erfolgen, um nicht in wenig erfolgversprechenden Aktivismus der Sorte "Mehr Öffentlichkeitsarbeit!" zu verfallen.

Ich bin nicht sicher, ob die Befindlichkeiten gegen "Spracherziehung" hier die gleichen sind. Sie richten sich in der Regel ja auf als ideologisch wahrgenommene Agenden, auf die Unterstellung, man wolle per Sprache Politik betreiben, dass es im Schulz-von-Thun'schen Sinne nicht um Selbstausdruck, sondern primär um Appell (du sollst!) und Beziehungsdefinition (ich>du) geht.

Wir haben das Interesse, Fachwortschatz und Expertise unseres Fachs vor missverständlicher Nutzung zu schützen. Das enthält zwar auch einen Appell und eine Beziehungsdefinition, ist aber in erster Linie eine Sachauskunft. Das ist für mich nicht anders, als wenn mich eine Physikerin darüber aufklärt, dass ich Entropie falsch verstanden habe, oder der Pädagoge, dass ich den autoritativen und nicht den autoritären Erziehungsstil meinte. Nichts dagegen gegen deine weiterführenden karnevalesken Überlegungen zur Aufklärungsarbeit, das steht ja zum Glück gar nicht im Widerspruch!

Die Argumente für "Evaluationswissenschaft" verstehe ich gut, ich verwende den Begriff selbst situativ, und er hat ja in der "Evaluationsforschung" bereits einen Vorläufer ähnlicher Intention, der allerdings auch nicht wirklich Fuß gefasst hat. Ich scheue u.a. zurück vor den versteckten Kosten und nicht-intendierten Effekten in der Kommunikation mit Laien und darüber hinaus: "Ist das jetzt etwas anderes als Evaluation?", "Warum 'Wissenschaft', was geht mich das in der Praxis an?", "Ist das dann immer akademisch, wo kann man das studieren und wo findet die Forschung statt?", "Ist das etwas anderes als Evaluationsforschung oder Forschung über Evaluation?" etc. pp.

Der Begriff ist wie jeder "neu" gesetzte Begriff erst einmal erklärungsbedürftig und das obwohl "Evaluation" ja schon in vielen Kontexten etabliert ist, ganz abgesehen davon, dass unsere Lehrbücher, Studiengänge, Fachgesellschaften etc. eben nicht "...(für) Evaluationswissenschaft", sondern "(für)... Evaluation" heißen. Ein "neuer" alternativer Begriff muss erst implementiert werden, obwohl der alte ja bereits oft gut verankert ist, auch wenn er offensichtlich zum Ausfransen in Richtung Alltagsbewertung neigt.

Daher mein Impuls, das Feld begrifflich nicht vorschnell "zu räumen". Auch würden wir damit nach meinem Eindruck den Anspruch aufgeben, "parasitäre" Nutzungen des Begriffs, wie ich das im Beitrag genannt hatte, zu kritisieren. Ein weiterer Grund noch, dass ich nicht sicher bin, ob "Evaluationswissenschaft" nicht entgegen der eigentlich Intention  auch als mangelndes Selbstbewusstsein der Disziplin gelesen werden kann. Die Medizin heißt nicht Medizinwissenschaft, die Architektur nicht Architekturwissenschaft und Coaching nicht Coachingwissenschaft, warum dann ausgerechnet Evaluationswissenschaft?(*) Und noch ein Grund: Auch "Evaluationswissenschaft" wird als Begriff nicht geschützt sein, d.h. sollte er sich stärker durchsetzen, werden wir schnell Leistungen als "Evaluationswissenschaft" auf dem Markt sehen, die das enthaltene Versprechen auch nicht besser einhalten werden als bisher. Für mich also ein Begriff, der eher eine Forderung und einen Wunsch ausdrückt,  als ein passenden Ersatz für "Evaluation" zu sein und für mich daher nur in programmatischen Auseinandersetzungen seinen Platz hat.

Wie gesagt, ich würde da gar nicht groß in den Disput gehen, sicher gibt es auch mehrere Wege zum gemeinsamen Ziel und am wichtigsten ist denke ich der common ground: Bewusstsein wecken, wo erforderlich, und alle Begriffe kontextsensibel verwenden.

Ob ich übrigens in Richtung einer stärkeren Schließung und Schutz der Bezeichnung plädiere, @Andreas, da bin ich bis heute ambivalent. Die Professionalisierungsforschung, die du ansprichst, zeigt ja nicht immer nur positive Effekte auf, auch hier wollen also Kosten und Nutzen gut abgewogen werden.